Gasmangellage und Gesetzesflut bei VEA-Mitgliederversammlung im Fokus
Tipps zur Defossilisierung von Prozesswärme, Praxisbeispiele zum Energieeinsparen im Mittelstand, Überblick über den Erdgasmarkt und wichtigste Informationen zu den aktuellen Energiegesetzen – das waren die Inhalte der Fachvorträge auf der diesjährigen VEA-Mitgliederversammlung. Über 70 Teilnehmer nahmen die Neuigkeiten für ihre Unternehmen mit und beteiligten sich an der ordentlichen Mitgliederversammlung am Donnerstag, 23. Juni. Im Novum Businesscenter in Würzburg stimmte der VEA-Vorstand gemeinsam mit der VEA-Geschäftsführung die Mitglieder auf eine „katastrophale Zeit“ ein.
Freude über Treffen in Präsenz beim VEA-Hauptgeschäftsführer
„Sie und Ihre Unternehmen stehen vor großen Herausforderungen. Spätestens in der nächsten Woche wird die zweite Warnstufe zur Gasmangellage ausgerufen. Trotzdem möchten wir mit Ihnen den heutigen Tag optimistisch gestalten. Freuen wir uns nun gemeinsam darüber, dass wir nach den vergangenen zwei Jahren wieder in Präsenz zusammenkommen können“, so VEA-Hauptgeschäftsführer Dr. Volker Stuke.
Der VEA-Vorsitzende fordert: „Politik muss gangbaren Weg aufzeigen“
Der VEA-Vorsitzende und geschäftsführender Gesellschafter der J.G. Knopf´s Sohn GmbH & Co. KG August Wagner sagte in seiner Eröffnungsrede: „Am Ukrainekrieg ist Deutschland zwar nur indirekt beteiligt. Doch hat er gewaltige Auswirkungen auf den deutschen Staatshaushalt und vor allem auf die Energieversorgung. Wir wissen nicht, wie sich die Lage weiter entwickeln wird und ob es noch schlimmer kommt, als wir bislang befürchtet haben. Tatsache ist, dass die enormen Preissteigerungen bei der Energieversorgung schon jetzt ausreichen, um zumindest einen Teil unserer Mitgliedsunternehmen in Existenznot zu bringen. Die Politik darf nicht nur nach Belieben Ziele festlegen, sondern muss auch einen gangbaren Weg aufzeigen, wie man diese erreichen kann.“
Energiepolitische Vertreterin des VEA teilt die Sorgen der Mitgliedsunternehmen um den Wirtschaftsstandort Deutschland
Mit einem Rundumblick zu den wichtigsten energiepolitischen Themen führte die energiepolitische Vertreterin des VEA Eva Schreiner in den Tag ein und berichtete unter anderem zum Erneuerbare-Energien-Gesetzt (EEG), dem Energie-Umlagen-Gesetz (EnUG) und dem Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz (KWKG). Auch der Umgang mit der Gaskrise und das Thema Dekarbonisierung der Prozesswärme standen im Fokus.
Zu Beginn ihres Vortrages hob sie hervor, dass „die Unternehmen aktuell vor den größten Herausforderungen – vielleicht seit immer – stehen“ und „dass Grund zur Sorge um den Wirtschaftsstandort Deutschland bestehe“. Die Gründe dafür sieht sie in der aktuell starken Inflation, unterbrochenen Lieferketten, Rohstoffknappheit und einer massiven Energiepreiskrise, die im worst case auch zu einer Versorgungskrise werden könne. Für innerhalb der nächsten Woche erwartete sie, dass der Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz Robert Habeck die nächste Krisenstufe nach dem Notfallplan Gas ausruft. Überraschend: Noch während ihres Beitrages rief das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) die „Alarmstufe“ aus.
Professor der Leibniz Universität Hannover zeigt Chancen auf
Unter dem Fachvortragtitel „Dekarbonisierung von Prozesswärme“ stellte Professor Dr. Richard Hanke-Rauschenbach künftig mögliche Optionen zur CO2-neutralen Bereitstellung von Prozesswärme vor. Neben dem Ersatz von gasförmigen und flüssigen Brennstoffen durch synthetisches Erdgas oder gar Wasserstoff, kommt für Niedertemperatur-Anwendungen gegebenenfalls auch der Einsatz von Solar- oder Geothermie in Frage. Ebenso sind die elektrischen Wärmebereitstellungsrouten zu benennen, entweder in Form von mehrstufigen Wärmepumpenanlagen in Kombination mit einer geeigneten Umweltwärmequelle oder in Form von direkt-elektrischen Verfahren wie beispielsweise der induktiven oder der dielektrischen Erwärmung. Die elektrischen Routen rangierten bisher oft auf Platz zwei hinter fossilen Wärmebereitstellungskonzepten und dürften nun wegen ihrer hohen Effizienz und den daraus resultierenden Betriebskostenvorteilen zunehmend an Bedeutung gewinnen. Der Professor der Leibniz Universität Hannover appelliert an die Teilnehmenden: „Die Nachfrage nach grünen Zwischenerzeugnissen und Produkten wächst. Die Gunst der Stunde zu nutzen und zum richtigen Zeitpunkt gegebenenfalls auch mit staatlicher Unterstützung zu investieren ist das Gebot der Stunde.“
KDW Klinkerdachziegelwerk GmbH & Co KG bei Klimaneutralität auf Kurs
Der Mitarbeiter der ABC Klinkergruppe Klaus Gervelmeyer stellte verschiedene Best-Practice-Beispiele vor, mit denen die Firma ihre Ziegelwerke bereits mit „großen Schritten“ in die Richtung Klimaneutralität bringt. So verfügen einige ihrer Werke bereits über Photovoltaikanlagen (PV-Anlagen) und Blockheizkraftwerke (BHKW), die mit Bio-LNG oder teilweise auch Wasserstoff betrieben werden können. „Aktuell arbeiten wir mit einem Ingenieurbüro daran, eine Lösung zu entwickeln, mit der bei uns am Wochenende durch PV-Anlagen gewonnene Strom zur Wasserstoffgewinnung genutzt wird. So können wir künftig unsere Brennprozesse defossilisieren“, blickt Gervelmeyer voraus. Auch ihre Produkte entwickeln sie weiter: So vertreibt die Firma bereits eine Fassadenkeramik, die nicht nur gut dämmt und einen attraktiven Wetterschutz bietet, sondern auch einfach per „Klick-Funktion“ zu verarbeiten ist. Hierbei wird ohne Kleber oder Mörtel gearbeitet, so dass die Materialien später wieder demontiert und weiterverwendet werden können.
Hohe Nachfrage und Vertrauenskrise zu Russland beeinflussen den Gasmarkt
Der Freie Journalist Dr. Heiko Lohmann betrachtete in seinem Fachvortrag den gegenwärtigen globalen Gasmarkt. Dabei ging er nicht nur auf die Preise und die gegenwärtige „Vertrauenskrise zu Russland“ ein, sondern auch gab Dr. Lohmann einen Ausblick zur künftigen Situation am Gasmarkt. Dort sieht er eine steigende Nachfrage in Asien und Süd Amerika, die neben dem Ukrainekrieg ebenfalls die Flexibilität unseres hiesigen Gasmarktes trüben. Die sinkende Flexibilität sieht der Freie Journalist auch darin bestätigt, dass sich in der jüngeren Vergangenheit „alle ausländischen Energieanbieter vom deutschen Markt zurückgezogen haben“.
Klaus Gervelmeyer weiterhin VEA-Rechnungsprüfer
Während der ordentlichen Mitgliederversammlung entlasteten die Teilnehmenden den Vorstand und die Geschäftsführung einstimmig. Auch die Gewinn- und Verlustrechnung für das abgelaufene Jahr sowie der Voranschlag für das Folgejahr gaben die Anwesenden frei. Beim Tagesordnungspunkt „Neuwahl des Rechnungsprüfers 2022 gab es eine einstimmige Wiederwahl. Klaus Gervelmeyer von der KDW Klinkerdachziegelwerk GmbH & Co KG bekleidet das Amt auch künftig.
Vorabendprogramm im „Staatlichen Hofkeller“ in Würzburg
Bereits am Vorabend traf sich der VEA mit rund 30 Mitgliedern im „Staatlichen Hofkeller“ in Würzburg. Gemeinsam besichtigten sie das historische Kellergewölbe und testeten bei einer Verkostung eine Auswahl lokaler Weine. Die fachkundige Weinmoderation stellte währenddessen Hintergründe zur historischen Kelleranlage vor.





