Am deutschen Handelspunkt THE notierte der Day-Ahead am vergangenen Montag bei 35 Euro/MWh. An der niederländischen TTF wurden am Dienstag im Nachmittagshandel Notierungen von unter 30 Euro/MWh gesehen. Bei beiden Märkten handelt es sich um sogenannte Spotmärkte, auf dem Kunden ihren kurzfristigen Erdgasbedarf decken können. Nach der Preisrallye im August mit teils über 300 Euro/MWh ist ein regelrechter Einbruch zu erkennen. Können Unternehmerinnen und Unternehmer aufgrund der positiven Tendenzen jetzt mit mehr Planbarkeit und geringeren Erdgaspreisen rechnen?
VEA-Mitarbeiter und Beschaffungs-Experte Henrik Hauptmeier sieht die Lage weiterhin als „schwierig“ an. Besonders auf dem Terminmarkt, auf dem langfristige Lieferverträge abgeschlossen werden und der für die VEA-Mitglieder in der Regel der interessantere Markt ist, sieht die Lage mit rund 150 Euro/MWh für 2023 anders aus: „Allein bei unseren Mitgliedern verfügt jedes dritte Unternehmen noch nicht über einen Erdgasliefervertrag für das kommende Jahr. Zudem liegen die aktuellen Jahrespreise am Markt weiterhin beim sechs- bis achtfachen von dem, was viele Unternehmen aktuell in ihren Lieferverträgen vereinbart oder stehen haben. Eine Gaspreisbremse ist ein gutes Zeichen, allerdings ist sie so hoch angesetzt, dass trotzdem massive Preissteigerungen die Unternehmen treffen. Aufgrund der dramatischen Preissituation und fehlender Lieferverträge ist weiterhin mit ausfallenden Produktionen und Geschäftsaufgaben zu rechnen. Jedoch merken wir, dass die Angebotssituation sich entspannt. Diese Situation empfehlen wir zu nutzen, um sich jetzt für 2023 mit Energie einzudecken beziehungsweise Verträge abzuschließen.“
Der Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hat laut einer Pressemitteilung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) einen eigenen Blick auf die aktuellen Entwicklungen: "Die Gaspreise sinken seit geraumer Zeit, derzeit sogar wieder deutlich unter 100 EUR/MWh. Am Kurzfristmarkt ist es sogar noch deutlicher, dort liegen die Preise heute sogar bei unter 30 EUR/MWh. Für die Wirtschaft sind das gute Nachrichten. Wir haben politisch dafür Zeichen gesetzt. Wir haben die Speicher gefüllt und eine alternative Infrastruktur auf den Weg gebracht. Auch aus Europa gibt es klare Signale: Wir sorgen für gemeinsame Einkaufsmöglichen, um die Preise runter zu bringen. Gleichzeitig dürfen wir uns nichts vormachen: Das Preisniveau ist weiter hoch, und es wird auch nicht so werden wie vor Putins Krieg. Deshalb müssen wir dranbleiben, in Europa und in Deutschland: Preise dämpfen, sorgsam mit Energie umgehen und vor allem den Ausbau der Erneuerbaren Energien beschleunigen."
Aktuelle Gründe für den gesunkenen Erdgaspreis
Fakten lieferten Ende Oktober die Bundesnetzagentur (BNetzA) und das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK):
- Importe aus den Niederlanden, Belgien und Frankreich stiegen zuletzt
- Deutschland profitiert von der LNG Import-Infrastruktur in den Benelux-Ländern
- Importmengen aus Norwegen stiegen an
- Im Oktober 2022 stand in Deutschland nur eine geringfügig kleinere Menge an Gas zur Verfügung als im Oktober 2021. Das lässt darauf schließen, dass der Anteil am russischen Erdgas auf dem deutschen Markt bereits sehr gut substituiert wurde und die Verbräuche gesunken sind
- Das Befüllen der Gasspeicher funktioniert in Deutschland in diesem Jahr besser als in den Vorjahren. Jedoch wurde dafür Erdgas zu deutlich höheren Preisen eingekauft
- Eine Delegation des BMWK hat jetzt einen Chartervertrag für das fünfte schwimmende Flüssiggasterminal des Bundes unterzeichnet. Die schwimmende Plattform soll ab Herbst 2023 am Standort Wilhelmshaven bereitstehen
Trotz der positiven Nachrichten: Kommt es zu einem stärkeren Absinken der Importe oder auch zu einem verstärkten Anstieg der Exporte, was beispielsweise durch einen strengeren Winter in den europäischen Nachbarländern begründet sein kann, so droht auch in Deutschland eine Gasmangellage zum Ende des Winters 2022/2023 – warnt die BNetzA.
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