Ausgabe 57 06|2026 GASTBEITRAG Chemieagenda 2045 nur ein erster Schritt 3 Fragen an Norbert Theihs, Geschäftsführer und Leiter des Hauptstadtbüros Berlin beim Verband der Chemischen Industrie (VCI) 1) Wie fällt Ihre Resonanz zur vorgelegten Agenda aus? Halten Sie die Vorschläge für ausreichend, um den Industriestandort Deutschland zu bewahren oder gibt es Aspekte, die Ihrer Meinung nach nicht ausreichend berücksichtigt wurden? Mit der Chemieagenda 2045 hat sich die Bundesre- gierung in ihrem Koalitionsvertrag zum Ziel gesetzt, den Chemie-, Biotechnologie und Pharmastandort zum innovativsten Standort der Welt zu machen. Gemessen an diesem wichtigen Ziel, springt die vorgelegte Chemieagenda zu kurz. Deshalb sehen wir die vorgelegte Chemieagenda als einen ersten Schritt, an dem jetzt weitergearbeitet werden muss. Bisher ist es zu wenig, denn es kommt bei den rund 2.000 Unternehmen der Chemie- und Pharmain- dustrie bisher keine Entlastung an. Das muss sich angesichts der derzeitigen Krise unserer Branche ändern. Energiekosten müssen sofort gesenkt, In- vestitionshemmnisse müssen beseitigt und Regu- lierung muss auf ein erträgliches Maß beschränkt werden. Angesichts der Dramatik der Situation gibt es auch noch zu viel politische Bewegung in die falsche Richtung - auch auf Ebene der Bundesregierung. So konterkariert zum Beispiel das gerade von der Bun- desregierung vorgelegte Sparpaket zu den Gesund- heitskosten alle Bemühungen, den Pharmastandort attraktiver zu machen. Sollten die darin geplan- ten zusätzlichen Belastungen für Unternehmen so durchkommen, spielt der Pharmastandort Deutsch- land nicht um die Weltspitze, sondern um den Ab- stieg. 2) Welche konkreten Maßnahmen in der Agen- da halten Sie für besonders entscheidend, um die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie, insbesondere des energieintensiven Mittelstands, nachhaltig zu stärken? Am dringendsten ist es jetzt, die Maßnahmen zur Senkung der Energiekosten zu realisieren. Es muss jetzt eine Entlastung bei den Unternehmen ankom- men. Der Industriestrompreis und die Strompreis- kompensation sind dazu die wichtigsten Stell- schrauben. Zweitens muss der Emissionshandel sofort reformiert werden. So wie er jetzt ist kann er nicht bleiben. Der Emissionshandel für die Indus- trie wirkt wie ein Showstopper für Investitionen. Drittens muss die europäische Regulierung auf ein vernünftiges Maß umgebaut werden. Dazu ist es notwendig, zum Beispiel die Umsetzung der Indus- trieemissionsrichtlinie auf der Europaebene aus- zusetzen, ebenso die Umsetzung der Kommunalen Abwasserrichtlinie. Beide Gesetze sind extrem mit- telstandsschädlich. 3) Wie werden Sie sich im Rahmen der bevorste- henden Umsetzungsphase der Agenda in die Ar- beit des dafür vorgesehenen Steuerungskreises einbringen und dabei sicherstellen, dass die Maß- nahmen wie geplant umgesetzt werden? Wir werden uns intensiv in die Umsetzung und vor allem in die Weiterentwicklung der Chemieagenda einbringen. Wir brauchen den Befreiungsschlag für unsere Branche jetzt. Und dieser Befreiungsschlag für die Chemie muss eingebettet sein in eine umfas- sende Reform- und Wachstumsagenda. Wir dürfen nicht mehr warten. Das Schneckentempo der Re- formen in Deutschland und Europa muss ein Ende haben, nur dann haben wir die Chance, ein erfolgrei- ches Industrieland zu bleiben. 3